Der Leichnam wurde lediglich mit einigen Pappen abgeschirmt.

Düstere Lagerhalle
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Wie eine Recherche des Kollektivs Correctiv Lokal und unter anderem der Leipziger Volkszeitung aufgedeckte, kam es während der Frühschicht des 15. Novembers im Leipziger Logistikzentrum Heiterblick zu einem tragischen Todesfall. Ein Mann bricht während der Arbeit zusammen und stirbt noch vor Ort. Zwar handelte es sich nach aktuellem Kenntnisstand nicht um einen Arbeitsunfall, doch wie die Verantwortlichen mit dem Vorfall umgingen, steht jetzt in der Kritik. So wurden die Mitarbeitenden drumherum zur Weiterarbeit angetrieben, während der Leichnam ihres Kollegen noch, nur durch Pappen versteckt, in der Halle lag. 

Die Maschine muss weiterlaufen

Der Vorfall ereignete sich am späten Vormittag, kurz vor Schichtwechsel. Der sofort gerufene Betriebsarzt sowie ein hinzugerufener Notarzt konnten nichts mehr machen. Ein Arzt bestätigte mittlerweile, dass der Mann auf Grund einer natürlicher Todesursache verstarb. Am frühen Nachmittag sei zudem die Polizei verständigt wurden, um den Vorfall aufzunehmen. 

Das Correctiv Lokal konnte mit acht Mitarbeitenden des Standortes sprechen und gibt ein erschreckendes Bild wider. So wurde der Bereich, in dem der Tote lag, nur durch Pappen abgeschirmt, während der Betrieb rundherum weitestgehend unbehelligt weiterlief.

So schildert einer der Mitarbeitenden, die aus Schutzgründen anonym bleiben, seinen Eindruck mit den Worten „(der Vorfall) hat ihnen klargemacht, dass bei Amazon nicht sie zählen, sondern nur der Profit, das Ticken der Maschine“.

 

Amazon räumt Fehler ein

Im Nachgang des Falles wurden ein Kondolenzbuch für den ehemaligen Mitarbeiter sowie dessen Foto im Werk aufgestellt. Auch für psychologische Unterstützung der Kolleginnen und Kollegen wurde seitens Amazon gesorgt. Doch insbesondere die Tatsache, dass diese von vielen Mitarbeitenden in Anspruch genommen wurde, zeigt, dass die Weiterarbeit unter deutlich erschwerten Bedingungen erfolgte.

Auf Anfrage des Recherchekollektivs räumte das Unternehmen ein, die zum Schichtwechsel neu hinzugekommenen Mitarbeitenden nicht optimal vor dem Geschehen abgeschirmt zu haben. Jedoch verschließt das Unternehmen dabei buchstäblich vor den psychologischen Schäden des Vorfalles die Augen. So wurden „in Windeseile weitere Sichtbarrieren herbeigeschafft“ – was man nicht sieht, das gibt es ja schließlich auch nicht.

Zusätzlich, sagt das Unternehmen, sei es allen Beschäftigten freigestellt worden, für den Tag bezahlt nach Hause zu gehen. Doch wie die Zeugenaussagen gegenüber dem Correctiv Lokal berichteten, habe sie dieses Angebot leider nicht erreicht.

Update vom 25.11.2022: „Fokus lag auf der Rettung des Kollegen“

Ein Sprecher von Amazon meldete sich mittlerweile mit einem offiziellen Statement gegenüber dem Amazon Watchblog zu Wort. Das Unternehmen betont, dass die anfangs provisorische Abschirmung des Vorfalls der Hektik geschuldet war: „Es ist in der Situation vieles innerhalb weniger Minuten passiert und der Fokus aller Verantwortlichen lag auf der Rettung des Kollegen und der sofortigen Durchführung von Hilfeleistungen, das hatte in den ersten Minuten die klare Priorität.“

Zudem verwies der Sprecher darauf, dass es den Mitarbeitenden freigestellt wurde, die Arbeit niederzulegen. Ob und warum diese Botschaft nicht zu den betreffenden Zeugen des Correktiv Lokal vorgedrungen ist, lässt sich zum aktuellen Zeitpunkt nicht abschließend klären.

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/ Geschrieben von Ricarda Eichler

Kommentare

#2 DAltenkirch 2022-11-29 14:25
Ja klar, wir haben alles richtig gemacht.

Und wenn Menschen dann sagen, sie wussten nicht,
dass sie hätten bezahlt freinehmen können, dann ist das gelogen.

Das Management hat eindeutig überfordert reagiert, Fehler gemacht.
Es wäre besser, das ohne Ausflüchte zuzugeben, anstatt auch noch den
Mitarbeitenden einzureden, sie hätten falsch reagiert und wären an ihrer
nun bestehenden psychoschen Situation selbst schuld.

Aber so sind wir in Deutschland: unsere kollektive Angst Fehler einzugestehen,
hält uns fortlaufend davon ab, der Wahrheit den Vorrang zu geben.

Und unsere kollektive Angst macht uns als Mitarbeitende zu Duckmäusern und Jasagern.

Der Mensch bleibt in beiden Fällen auf der Strecke.
#1 Markus 2022-11-24 08:58
Was ist eine optimale Vorgehensweise in so einer schrecklich, bedauerlichen Situation? Und das aus Perspektive aller Betroffenen.



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