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Ein Mal nicht nachgedacht, ein Mal nicht ausreichend recherchiert und schon kann sich eine Aussage gegen einen selbst und die eigenen Interessen wenden. Besonders bei Propaganda ist in dieser Hinsicht Vorsicht geboten. Bei einem großen Unternehmen wie Amazon könnte man auch davon ausgehen, dass PR-Maßnahmen ausreichend durchdacht werden und doch ist dem Online-Riesen nun ein Patzer passiert.

Mädchen verzweifelt vor Büchern
© Natalia Chircova - Fotolia.com

Amazon und die Verlage gehen in eine neue Runde

Im Streit mit den Verlagen stand Amazon zuletzt in der Defensive. Eine Schar von 900 Autoren hatte sich zusammengeschlossen und die Vereinigung „Authors United“ gegründet. In einem offenen Brief wandte sich diese an die Öffentlichkeit und rief Leser und Amazon-Kunden zur Stellungnahme gegen Amazon im Verlagsstreit auf. Dafür sollten Sie Jeff Bezos eine E-Mail mit ihrer Meinung zu dem Thema senden.

Das konnte Amazon natürlich nicht auf sich sitzen lassen und holte nun prompt zum Gegenschlag aus. Wie? Indem es den Brief der „Authors United“ nachahmte und diesen im Internet postete sowie seinen Kindle-Autoren schickte. Zudem gab Amazon dem Ganzen auch noch eine etwas individuellere Note.

Amazons Gegen-Brief

Aber eins nach dem anderen. Zuerst hat Amazon eine Gruppe namens „Readers United“ gegründet, um Hachette weiter unter Druck zu setzen. Nun folgte der Brief an die Öffentlichkeit, wie die New York Times berichtet. In diesem bittet Amazon die Leser, Hachette-CEO Michael Pietsch eine E-Mail zu schreiben. Wie du mir so ich dir. Zusätzlich schlägt der Online-Händler ein paar Denkanstöße vor, die in den Anschreiben ja vielleicht erwähnt werden könnten. Wie wäre es, wenn sie Hachette an die eigenen illegalen Preisabsprachen von 2012 erinnern? Oder die Autoren in Schutz nehmen, sie können ja nichts für den Streit.

Eine Geschichtsstunde mit Amazon und kleinen Ungenauigkeiten

Das Hauptargument in dem Brief von Amazon, der online eingesehen werden kann, ist jedoch, dass eine Vergünstigung der E-Book-Preise der Lesekultur eher hilft als schadet und genau an diesem Punkt wird Amazon zum Geschichtslehrer und erinnert an die Einführung der Taschenbücher in 1930er Jahren. Damals, als Bücher $2,50 kosteten und Taschenbücher nur 25 Cent…

Soweit so gut und alles richtig, doch ausgerechnet als es zu einem Zitat des berühmten britischen Autoren George Orwell („1984“, „Farm der Tiere“) kommt, patzt Amazon in seinem Wissen oder vielleicht auch in der Recherche. Laut Amazon hat der Autor sich wie folgt zu Taschenbüchern geäußert: wenn „Verleger auch nur ein Fünkchen Verstand hätten, sie sich gegen diese [Taschenbücher] zusammenschließen und sie abschaffen würden.“ Dem Online-Händler zufolge ist die Schlussfolgerung klar: Orwell forderte schon damals Wettbewerbsabsprachen!

Nun ist es in der Literatur wie im Leben, man sollte nichts aus dem Kontext nehmen, doch genau das hat Amazon getan. Zwar äußerte sich Orwell auf diese Weise, doch betrachtet man den ursprünglichen Satz wird klar, dass Amazon einen wichtigen Teil übersehen oder unter den Tisch gekehrt hat: „Penguin Bücher [britischer Verlag, der als erster Taschenbücher von hoher Qualität zu geringen Preisen verkauft hat; Anm. d. Red.] bieten einen großartigen Wert für Sixpence, so großartig, dass wenn andere Verleger auch nur ein Fünkchen Verstand hätten, sie sich gegen diese [Taschenbücher] zusammenschließen und sie abschaffen würden.“

Amazon wählt ausgerechnet den Verfechter der Taschenbücher

Das Zitat von George Orwell wurde demnach von Amazon entweder absichtlich falsch verwendet oder einfach missinterpretiert. Auf jeden Fall spricht sich Orwell für die Penguin Taschenbücher aus und in dem Essay des Schriftstellers finden sich noch mehr Anzeichen, dass er eher gegen Amazons Absichten, als für diese ist.

So schreibt er: „Es ist, natürlich, ein großer Fehler, zu denken, dass billige Bücher gut für den Buchhandel sind. […] Je billiger Bücher werden, desto weniger Geld wird für Bücher ausgegeben.“ Für die Leser und den Handel sei das nach Orwells Meinung unproblematisch, doch die Verleger, Buchdrucker, Autoren und Buchhändler sei es katastrophal.

Reaktionen auf die Amazon-Panne

Wie in der New York Times zu lesen, waren die Reaktionen auf den Brief weit verbreitet. Größtenteils reagierten Experten mit Kopfschütteln auf die Blindheit Amazons angesichts der Ironie von Orwells Aussage. Glenn Fleishman, Tech-Journalist aus Amerika adressierte Amazon direkt:

 

„‚George Orwell schlug Wettbewerbsabsprachen vor.‘ Nein, ihr Idioten. Er hat Ironie verwendet. Das ist ein literarisches Stilmittel. Ihr verkauft Bücher. Was läuft falsch bei euch.“

Für Ben Thompson, Blogger und Podcast-Moderator aus Taiwan, ist die Mitteilung Amazons selbst pure Ironie und bezieht sich auf dessen Werk 1984:

 

„Es ist *zutiefst* ironisch, dass Amazon die Worte George Orwells herumgedreht hat, um sie seiner Propaganda anzupassen.“
 
Außerdem wäre da noch der Kommentar von Tech-Autor Josh Centers, der ein Fake-Zitat von George Orwell auf Twitter veröffentlichte:

 

„‚Amazon ist ein Freund aller Autoren und ich wünschte, ich würde alle meine Bücher darüber verkaufen.‘“

Amazon und Hachette – Der Kampf der Titanen geht weiter

Wohin die Streitigkeiten zwischen Amazon und Hachette noch führen werden, wissen, wenn überhaupt, nur die beiden Parteien. Amazon äußerte sich nicht zu E-Mails, die Jeff Bezos eventuell erhaltenen haben könnte, aber noch bekam niemand eine Reaktion. Hachette gibt auch keine Angaben zu den E-Mails preis, doch Michael Pietsch beteuerte, dass er höchstpersönlich auf alle Mail antworten würde, die er erhält.

Es ist dieses Mal kein ungleicher Kampf wie bei David und Goliath, da mit Amazon und Hachette zwei Größen ihrer Branche aufeinander treffen. Jeder der beiden wir auch darauf bedacht sein, seine eigenen Interessen durchzusetzen und nicht die der Autoren oder Leser. Die Frage ist nur, ob der Stärkere siegt oder der Klügere nachgibt. In der schriftlichen Auseinandersetzung muss man allerdings Hachette einen Punkt zusprechen, denn Amazon hat sich mit dem gut gemeinten Zitat erst einmal ins Aus katapultiert.

 






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