Zerstört Amazon den Trend des Serien-Verschlingens? Ein Gutes hätte es durchaus.

 

Binge Watchning: Mann liegt im Sessel mit Chips
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Wohl viele von uns sind ab und zu dem sogenannten „Binge Watching“ verfallen. Was sich vielleicht anhört wie eine moderne Krankheit, ist im Prinzip nichts anderes als das Verschlingen von Serien. Manchmal wird es auch als „Komaglotzen“ oder „Serien-Marathon“ bezeichnet. Doch egal, welchen Begriff man verwendet, es geht immer um den massenhaften Konsum von Serienfolgen.

Streaming-Portale wie Amazon und Netflix machten es uns dabei in der Vergangenheit durch den automatischen Start immer weiterer Folgen nur allzu einfach, ins Extreme abzurutschen und beispielsweise an einem verregneten Sonntag eben mal zehn Stunden unbewegt und Chips-essend auf der Couch zu liegen. Kein Problem! Das ist zwar durchaus harte Arbeit und erfordert eine Menge Sitz- und Liegefleisch, aber was tut man nicht alles, um serientechnisch auf dem neuesten Stand zu bleiben?!

Eine Woche warten? „Unmenschliche Folter“!

Allerdings könnte es durchaus sein, dass Amazon mit solchen (wirklich ungesunden!) Serien-Marathons irgendwann Schluss macht, zumindest, was ganz neue Inhalte betrifft. Das Unternehmen hatte jüngst beispielsweise gewagt, die neue Staffel der hochgelobten Scifi-Serie „The Expanse“ für Dezember anzukündigen. Allerdings wird den Zuschauern dabei nicht gleich die komplette Staffel serviert, sondern häppchenweise, also nur eine neue Folge pro Woche.

Das Resultat dieser Ankündigung? Zeter und Mordio, sage ich Ihnen! Viele Nutzer sind mit dieser neuen Praxis gar nicht einverstanden. Bei Twitter finden sich sogar Kommentare wie:  „Oh, nein! Die unmenschliche Folter immer eine Woche warten zu müssen!“ Das versetzt uns in eine längst vergangen geglaubte Tech-Steinzein, in der der Online-Handel noch in den Kinderschuhen steckte und wir auf die Gnade der Fernsehsender angewiesen waren … so etwa 20 Jahre zurück ...

Jede Woche ein Anker

Früher waren neue Serien bzw. Serienstaffeln ein immenses Highlight im drögen Fernsehalltag. Man fieberte regelrecht auf einen bestimmten Wochentag hin, um sich dann pünktlich, mit leerer Blase und Snacks, vor den kastigen Apparat zu setzen und sich ein Weilchen von den brandneuen Inhalten berieseln zu lassen. Den Aspekt mit der leeren Blase und den griffbereiten Snacks hebe ich deshalb so hervor, weil damals ein Anhalten der Serienfolge (im linearen Fernsehen) natürlich nicht möglich war.

Ich erinnere beispielsweise an eine Zeit Anfang der 2000er Jahre, als ProSieben einen Abend in der Woche als „Scary Night“ feierte und die Gruselserien „Buffy – The Vampire Slayer“ und „Angel – Jäger der Finsternis“ im Doppelpack ausstrahlte. Dieser eine Abend war für Fans ein wöchentlicher Anker, gar ein Fels in der Serienbrandung. Ein Event, das man keinesfalls verpassen durfte, weil am nächsten Tag Freunde/Mitschüler/Kollegen von nichts anderem erzählten, als den neuen Entwicklungen in der Serie. Und man ja nichts verpassen wollte.

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Damals analysierte man sogar noch einzelne Sätze von Figuren, besprach aufwendig arrangierte Kulissen und fachsimpelte über mögliche Entwicklungen in der nächsten Folge, auf die man sich seelisch und moralisch eine ganze Woche vorbereiten konnte. So etwas gibt es beim Serien-Marathon eher seltener. Oder können Sie sich nach zehn Folgen und fast acht Stunden einer Serie noch daran erinnern, was auch nur in der letzten Folge passiert ist? Eben!

Der „Game of Thrones“-Erfolg wäre als Binge-Serie wahrscheinlich unmöglich gewesen

Natürlich ist es für waschechte Fans und Serien-Gucker durchaus psychischer Stress, immer eine Woche warten zu müssen, bis es weiter geht. Aber dieser Stress geht in der Regel auch mit Adrenalin-Ausstößen, Spekulationen und einem Berg an Vorfreude einher. Und dieser Mix kann durchaus zum Erfolg von Serien beitragen. Erinnern Sie sich etwa an den Fantasy-Epos „Game of Thrones“, der Woche für Woche Millionen Zuschauer vor die TV-Geräte lockte und zu einem selten dagewesenen Hype anwuchs?

Dieser massive Serien-Erfolg wäre wahrscheinlich ohne die ausführlichen wöchentlichen Analysen, Besprechungen und die ehrfurchtsvolle In-Ehren-Haltung einer jeden einzelnen Folge gar nicht möglich gewesen. Am Tag nach der jeweiligen Ausstrahlung stieß man immer wieder auf Grüppchen von Menschen, die über die neueste Folge diskutieren – ob nun auf dem Büroflur, an der Haltestelle oder im Treppenhaus. 

Und da Amazon bereits vor einiger Zeit angekündigt hatte, selbst nach einem Serienerfolg wie „Game of Thrones“ zu streben, dürfte eine derartige Nachahmung zumindest äußerer Umstände eigentlich nicht verwundern. Ob nun die Weltraum-Serie „The Expanse“ genauso vielversprechend ist, wie GoT, darf angezweifelt werden. Allerdings ist wohl anzunehmen, dass es Amazon um die grundsätzliche Etablierung eines neuen (oder eigentlich veralteten!) Ausstrahlungsprinzips geht, das den Zuschauern eine vermeintlich ausgestorbene Fähigkeit wieder näher bringt: die Wertschätzung jeder einzelnen Serienfolge. Und das wäre durchaus etwas, was unserer schnelllebigen Binge-Watching-Zeit gut tun würde. Willkommen zurück in den 2000er Jahren!

/ Geschrieben von Tina Plewinski





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