Ein aufregendes Jahr im Amazon-Kosmos liegt hinter uns. Wo lagen die Höhe- und Tiefpunkte? Unsere Redakteure blicken zurück.

Highlights: 2021, Wunderkerze
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Zwölf spannende Monate liegen hinter uns: Das Wachstum von Amazon war auch 2021 ungebrochen und der Konzern hat die Welt mit vielen Neuerungen überrascht. Neben Rekorden gab es allerdings auch die gewohnte Kritik – beispielsweise an Arbeitsbedingungen, vermeintlich wettbewerbswidrigem Verhalten oder wenig nachhaltigen Ausflügen des Amazon-Gründers ins Weltall. Die Redakteure des Amazon Watchblogs werfen einen Blick zurück und haben ihre ganz persönlichen Highlights und Lowlights zusammengetragen.

New World: Der Erfolgsflop – von Christoph

Christoph Pech

Amazon kann alles außer Videospiele. So sah es zumindest sehr lange aus. Spiele wurden vorgestellt, umgebaut, gestoppt, ohne dass die Amazon Game Studios irgendetwas Zählbares veröffentlichten. Bis New World kam. Auch das wurde verschoben und umfangreich angepasst, aber in diesem Herbst erblickte das Online-Spiel tatsächlich das Licht der Welt. Und es ist ein voller Erfolg, jedenfalls wenn man die Definition von Erfolg auf Amazon-Maßstäbe münzt. Denn auf vielen Ebenen ist New World ein ziemlicher Flop. Das Spiel ist nicht gut, Presse wie Spieler sind sich einig, dass New World nicht viel mehr als ein Standard-Grinder mit etwas besserem Kampfsystem ist. Spielen wollten es zumindest am Anfang trotzdem Hunderttausende – die dann hauptsächlich die Warteschlange des Spiels kennenlernten, weil die Server gnadenlos überlastet waren.

Mittlerweile hat sich die Spielerzahl gesund geschrumpft und was bleibt, ist ein Videospiel, das weder dem Medium Videospiel etwas Nennenswertes hinzufügt noch im Vergleich mit Genrekollegen irgendetwas besonders gut macht. Und trotzdem ist New World für Amazon am Ende der gewünschte Megaerfolg. Die Verkaufszahlen sind enorm, eine Kernspielerschaft wird bleiben und vor allem war Amazon das mediale Dauerfeuer sicher. Die Schlagzeilen waren zwar in der Regel wenig schmeichelhaft, aber es gab auch in der Games-Branche über Wochen kaum ein anderes Thema.

New World hat die Amazon Game Studios nicht als Edel-Entwickler positioniert, wohl aber ein weiteres Mal gezeigt, dass Amazon quasi alles, was es anfasst, auch vergoldet. Ein Konzern, der nicht die qualitative Speerspitze, sondern vor allem der Massen-Liebling sein will, kann damit am Ende hervorragend leben. Mir persönlich zeigt diese Episode aber einmal mehr, dass ich meine Erwartungen an die von Amazon produzierte Mittelerde-Serie auf ein gesundes Maß einschrumpfen sollte…

Bring mich zurück nach Mittelerde – von Micha

Michael Pohlgeehrs

Zugegeben: Als Amazon angekündigt hatte, ein eigenes „Game of Thrones“ aufbauen zu wollen – also eine Seriensaga, die ordentlich Kohle in die Kassen spült – und sich dann auch noch Tolkiens Universum als Schauplatz auserkoren hatte, war meine Skepsis mehr als groß. Die „Herr der Ringe“-Filme hatten mich in meiner Jugend derart begeistert, dass ich Jahre später meine Bachelor-Arbeit zu dem Thema geschrieben hatte – nur um kurz darauf von den Hobbit-Filmen maßlos enttäuscht zu werden.

Und jetzt will sich Amazon daran wagen, eine halbwegs ordentliche Geschichte in meiner geliebten Welt von Tolkien zu erzählen? Gerade der Game-of-Thrones-Vergleich ließ bei mir weitere Alarmglocken läuten: Denn während die HBO-Serie vor allem durch die Darstellung von Sex und Gewalt groß geworden ist, bewegt sich „Der Herr der Ringe“ doch eher im FSK-12-Bereich. Nackte, kopulierende Elben, Zwerge oder gar Orks – nein danke!

Im August veröffentlichte das Projekt dann aber einen ersten Vorgeschmack, der mir direkt Lust auf mehr machte. Zwar handelte es sich nur um ein einziges Bild, aber ich war direkt wieder in die Welt, die Peter Jackson Anfang der 2000er mit seinen Filmen visuell geprägt hat, versetzt. Im nächsten Jahr wird Amazon zeigen müssen, ob sie der Herausforderung gewachsen sind und die Fans zufriedenstellen können – und ich muss mir wohl doch noch überlegen, ob ich ein Prime-Abo brauche, um mich wieder nach Mittelerde entführen zu lassen.

 

Kritik an Arbeitsbedingungen wird lauter – von Ricarda

Ricarda Eichler

Für die Arbeitsbedingungen bei Amazon – ob im Lager oder bei den eigenen oder externen Zustellern – sind wir alle mitverantwortlich. Alle, die bei Amazon bestellen, obwohl es andere Optionen gibt. Ich nehme mich da selbst nicht raus. Die Bequemlichkeit siegt (fast) jedes Mal und ein paar Klicks später weiß ich, dass das Objekt meiner Begierde am nächsten Tag von einem gestressten, womöglich unterbezahlten Fahrer gebracht wird.

Doch die Kritik an diesen Arbeitsbedingungen wurde in diesem Jahr unüberhörbar laut. Unter anderem dank eines ZDF-Beitrages, welcher die desaströsen Arbeits- und Lebensbedingungen der großteils ausländischen Fahrer eines Amazon-Subunternehmens beleuchtete. Die Vorwürfe waren so laut, dass Amazon sich gezwungen sah, das Subunternehmen zu verklagen. In einem weiteren großen Skandal kam heraus, dass Amazon massenweise Trinkgelder von Fahrern unterschlug. Jetzt ließ sich der schwarze Peter auf einmal nicht mehr einem Subunternehmen zuschieben.

Solche Skandale ändern nicht von heute auf morgen unser Kaufverhalten und verbessern nun auch nicht auf einen Schlag den Alltag der Lieferfahrer. Aber sie helfen, die Problematik mehr ins Bewusstsein der Gesellschaft zu rücken. Es ist ein Anfang. Und ich nehme mir auch fest vor, wenn die Pandemie jemals vorbei ist, nicht mehr so viel bei Amazon zu bestellen.

Wie man besser nicht der größte Paketdienst der Welt wird – von Hanna

Hanna Behn

Amazon könnte spätestens Ende des Jahres in der Lage sein, der größte Paketdienst in den USA zu werden – und auch global ist der Konzern dafür nicht auf dem schlechtesten Weg, wie kürzlich der Chef des Amazon-Verbrauchergeschäfts Dave Clark in einem CNBC-Interview erklärte. Dafür hat Amazon natürlich immer wieder viel Geld in die Hand genommen und in seine Logistik investiert.

Wenn man allerdings die Konkurrenz wie FedEx oder UPS hinter sich lässt, wird es schwierig, sich mit Argumenten wie „bei Missständen handelt sich um branchenweite Probleme“ aus der Verantwortung für die eigene Belegschaft zu stehlen. Bestes Beispiel in diesem Jahr: Paketboten sahen sich gezwungen, auf ihren Amazon-Liefertouren in Flaschen zu pinkeln. Derartige Berichte wies das Unternehmen zunächst zurück, räumte jedoch schließlich ein, dass es solche Vorkommnisse gegeben habe, es sich aber nicht um ein konzernspezifisches Problem handele. Ja nun, mit der Ausrede „aber die anderen machen das auch“ könnte Amazon als größter Akteur in der Branche ja dann ordentliche Maßstäbe setzen.

Amazon hatte angekündigt, dafür eine Lösung zu finden und so bleibt zumindest eine Hoffnung, aber mal ehrlich: Sie ist nicht allzu groß. Vielleicht könnten ja ein paar mehr Kameras in den Lieferwagen helfen – oh, wait! Und die Lösung, Lagerangestellten eine Auszeit mit telefonzellengroßen Meditationsboxen zu gönnen, war dann auch eher ein Griff ins Klo.

Jeff Bezos in Space – von Patrick

Patrick Schwalger

Auch 2021 waren Nachhaltigkeit und Klimakrise absolute Topthemen. Die Bundestagswahl wurde zur Klimawahl ausgerufen und auf allen Kontinenten waren die Folgen der globalen Erwärmung spürbar. „Wenn sowieso alles so schlimm ist, was machen dann noch CO2-Ausstöße aus, die etwa 400 bis 600 Transatlantik-Flügen entsprechen?”, muss sich Jeff Bezos gefragt haben und flog am 20. Juli kurzerhand in den Weltraum.

Zwar hagelte es – etwa für die Form von Bezos’ Rakete – reichlich Spott und einige Prime-Nutzer kündigten aus Protest gegen den privaten Raumflug ihre Abos. Jeff Bezos kann das jedoch herzlich egal sein, schließlich bekommt er Lob von seinem Helden William Shatner, der Captain Kirk in Star Trek darstellte. Shatner, der mit der zweiten Blue-Origin-Rakete ins All geschossen wurde, erklärte danach: „Es war unbeschreiblich. (…) Jeder Mensch auf der Welt muss das machen, jeder muss es sehen“. Da haben Sie es: Wer jetzt nicht 28 Millionen Dollar für eines der raren Tickets der Blue-Origin-Flüge ausgibt, ist selbst Schuld!

Einen Wermutstropfen gibt es jedoch für Bezos: Er war nicht der erste Superreiche im All. Der Chef der Virgin Group, Richard Branson, war knapp drei Wochen vor Bezos mit seinem privaten Raumflugzeug extraterrestrisch unterwegs. Nun hofft Bezos wohl, dass er wenigstens der erste Mensch mit einer privaten Weltraumstation wird – diese soll noch vor 2030 in Betrieb genommen werden. Vor diesem Hintergrund und den damit verbundenen CO2-Ausstößen fragt man sich, ob Jeff Bezos seinen „Climate Pledge” vergessen hat. Am Ende könnte man noch auf die Idee kommen, dass es sich dabei nur um ein riesiges Marketing-Manöver handelt.

Amazons bekannte Tricks, nur ändert sich nix – von Markus

Markus Gärtner

Wenn man Amazons neuste Rekordmarke bei was auch immer hört, denkt man sich: Irre! Wie schaffen die das nur!? Fleiß, Können, Glück, Ausbeutung – sicher auch. Aber der Megaerfolg resultiert auch aus vielen Griffen vor allem in die juristische Trickkiste. Denn Amazon nutzt nicht nur jede Markt-, sondern auch Gesetzeslücke, um das Beste für sich rauszuholen. Zu sehen unter anderem beim Steuerzahl-Modell, bei dem Tochterfirmen gezielt Verluste machen, um so in der EU Steuern zu sparen oder beim kleinen Umweg von US-Ware über Mexiko, um den Zoll auszuhebeln. Dabei sind derartige Kniffe weder illegal, noch völlig geheim.

Wo also liegt das Problem, von Seiten der Politik den Online-Giganten zu etwas mehr Fairness zu bewegen? Die verantwortlichen weltweiten Gesetzgeber machen in Teilen die selbe Erfahrung wie Amazons Konkurrenz im Handel und der Logistik: Amazon ist schneller und effizienter, hat mehr Daten, mehr Geld – und so auch oft die besseren Rechtsausleger. Die bürokratischen Gesetzes-Mühlen der Länder und Staatenverbände gegen Amazons globales Netzwerk aus topqualifizierten Juristen – das mutet wohl manchmal an wie das Rennen eines schwerbeladenen Paketboten gegen eine Hightech-Amazon-Drohne. Ob sich das jemals ändert?

MacKenzie Bezos und die Stille des Gebens – von Tina

Tina Plewinski

Mein ganz persönliches Amazon-Highlight liegt in diesem Jahr ein wenig außerhalb des eigentlichen Amazon-Kosmos – und zwar bei MacKenzie Scott, der Exfrau des Amazon-Gründers Jeff Bezos. Warum? Ganz einfach: Während ihr Exmann mit seiner neuen Freundin unter den Reichen und Schönen dieser Welt wandelt, eine Villa in Hawaii kauft und sich ganz nebenbei aus rein touristischen Gründen in einer Phallus-artigen Rakete ins Weltall schießen lässt (und dabei ganz offensichtlich keinen Heller auf Umwelt und Natur gibt!), tut MacKenzie Scott Gutes. Und zwar ganz heimlich, still und leise. Ohne nach Aufmerksamkeit zu heischen und ohne alle naselang auf ihre Wohltätigkeit hinzuweisen.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Menschen, die Gutes tun, dürfen dafür Anerkennung erwarten! Und zwar auch dann, wenn sie diese aus Ego-Gründen selbst einfordern. Wer Gutes tut und jenen hilft, die Hilfe benötigen, hat meiner Meinung nach Anerkennung verdient. Fertig! Doch Scott legt eine derart philanthropische Gesinnung an den Tag, dass sie zuletzt nicht einmal mehr verraten wollte, wie viele Millionen oder gar Milliarden sie tatsächlich gespendet hat. Und man darf durchaus vermuten, dass es eine Menge Geld war!

Ein Beispiel: Allein im ersten Quartal 2021 pumpte sie phänomenale 2,7 Milliarden US-Dollar in verschiedene gemeinnützige Organisationen: etwa in solche, die sich für Bildung, Geschlechtergerechtigkeit oder den Abbau von Diskriminierung einsetzen. Allerdings hat sie es offenbar satt, dass die Aufmerksamkeit der Welt immer nur auf den Geldsummen liegt, die sie für Wohltätigkeit ausgibt. Stattdessen will sie den Fokus auf die Hilfsorganisationen selbst sowie die Menschen richten, die sich für Gutes engagieren.

In einem recht langen Statement erklärte sie im Kern, dass ein Mensch, der (unabhängig von seinem Einkommen) Angehörige pflegt oder für hilfsbedürftige Nachbarn einkaufen geht, genau so viel Anerkennung verdient wie solche, die aufgrund ihres Reichtums Millionen spenden. Der Unterschied zu ihrem vergleichsweise Aufmerksamkeit-heischenden und recht prunksüchtigen Exmann könnte kaum größer sein – und dass sie sich trotz ihres Reichtums so viel Demut und Bescheidenheit bewahrt hat, macht sie für mich zu einem ganz persönlichen Highlight des Jahres 2021.

/ Geschrieben von Tina Plewinski




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