Auf einigen Parkplätzen in Deutschland wurden massenweise blaue Prime-Lkw-Anhänger von Amazon abgestellt. Sie scheinen ein deutliches Zeichen dafür zu sein, wie groß Amazon die eigene Logistik denkt.

Amazon-Lkw auf der Autobahn
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Ein beeindruckendes Titelbild ziert einen Beitrag in der Nordsee-Zeitung von Anfang März: Auf der Luftbildaufnahme sind über 400 Amazon-Trailer zu sehen. Dicht an dicht stehen sie auf einem Parkplatz am Fischereihafen von Bremerhaven und inzwischen auf zwei weiteren Arealen vor Ort. Auch andernorts in Deutschland und Europa gebe es ähnliche Depots, auf denen die zweiachsigen Koffer-Auflieger lagern. In Bremerhaven waren es Anfang März etwa 700, Tendenz steigend. Die Fahrzeugansammlung wirkt enorm – scheint aber zu Amazons großen Ambitionen in Sachen Logistik zu passen.

Was hat der Online-Riese mit all den Fahrzeugen vor? 

Fast alle Trailer seien fabrikneu oder bisher kaum eingesetzt worden: Den TÜV-Plaketten zufolge seien viele erst im letzten oder gar diesem Jahr gebaut bzw. erstmals zugelassen worden, beobachtete der Chefreporter der Regionalzeitung, Christian Lindner, der Amazon Watchblog auf seine Recherchen aufmerksam machte. Die Fahrzeuganhänger seien „so dicht geparkt, dass ein tagesaktueller Einsatz ausgeschlossen ist“, führt er weiter aus. 

Was also tun die Anhänger dort? Amazon zufolge wurden sie dort einfach nur abgestellt – um bei Bedarf für Amazons Frachtgeschäft „Amazon Freight“ zum Einsatz zu kommen, wie der Konzern aktuell etwa gegenüber Eurotransport bestätigte. Auf der zugehörigen Webseite schreibt Amazon, dass für sein hauseigenes Transportnetzwerk über 6.500 solcher Auflieger vorhanden seien. Lindner war zuerst auf einen möglichen Zusammenhang mit Amazon Freight gestoßen.

Über einen eigenen Fuhrpark verfügt Amazon indes nicht, habe aber bei Fahrzeughersteller Iveco schon über Tausend gasbetriebene Zugmaschinen bestellt, stellt der Bericht der Nordsee-Zeitung weiter heraus. Für den Betrieb müsse man aber auf Lieferpartner und Speditionen zurückgreifen. Und diese sucht Amazon mit Nachdruck: Im Februar dieses Jahres wurde beispielsweise bekannt, dass der Online-Händler intensiver für ein Programm namens „Amazon Freight Partners“ warb. Die Aktion hat zum Ziel, gut doppelt so viele Lieferpartner für das Transportnetzwerk zu gewinnen. Damit das möglichst zügig funktioniert, sollte es auch ein Inkubatorprogramm für deren Ausbildung geben – von nur zwölf Wochen Dauer.  

Lieferpartner für Amazon Freight – ein praxistaugliches Konzept?

Amazon hatte im Zuge der Marketing-Kampagne für sein Freight-Programm auch einige Lieferpartner vorgestellt – und wer teilnahm, zeigte sich durchaus begeistert, wie die Deutsche Verkehrszeitung (DVZ) herausfand. Allerdings rieten Teilnehmende dazu, lediglich bei mehrjähriger Erfahrung in der Logistik mitzumachen. Verbände wie der Bundesverband Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL) und die Fahrer-Initiative BVL-pro gaben zu bedenken, dass man sich in die Abhängigkeit von Amazon begebe, schrieb die DVZ.

Der Konzern wies dies aber zurück: Partner würden von Tools und einer stabilen Auftragsauslastung profitieren, könnten sich aber frei entscheiden, ob sie die zugehörigen Amazon-Services nutzen. In der Praxis würden alle der Partner die Amazon-App zur Disposition nutzen – ob sie auch ohne auskämen, lasse sich somit nicht sagen.

Spannend bleibt, wer die Lkw mit den Amazon-Anhängern fahren wird. Denn dafür seien die Lieferpartner offenbar selbst verantwortlich. Die Suche nach ihnen sei eine Herausforderung, erklärte einer der Amazon-Lieferpartner gegenüber der DVZ.

Dass in der Branche Zehntausende Fahrer fehlen, ist hinlänglich bekannt. Ein aktueller Bericht eines Transportunternehmens bei Businessinsider unterstreicht allerdings, wie prekär die Situation derzeit ist. Der Lkw-Unternehmer rechne wegen des Personalmangels bald mit erheblichen Versorgungslücken in Deutschland. Aufgrund der derzeitigen zusätzlich anfallenden Kosten falle es ihm außerdem zunehmend schwerer, das Fahrpersonal fair zu vergüten.

Amazons große Pläne für die eigene Logistik

Amazon Freight gibt es bereits seit 2019, gestartet ist der Dienst in den USA als Vermittlungs-Plattform, erreichbar unter freight.amazon.com. Auf dem Portal konnten Unternehmen nach Lieferfirmen mit freien Kapazitäten suchen. Die Speditionsfirmen stammten dabei aus dem Amazon-eigenen Netzwerk. 

Ähnlich wie bei dem Ausbau eines eigenen Paketliefernetzes, für das man ebenfalls im größeren Stil Lieferpartner anwarb, schreitet Amazon nun also offenbar auch beim Ausbau eigener Transportkapazitäten in Deutschland voran. David Merck, Landesbezirksfachbereichsleiter Fachbereich Postdienste, Speditionen & Logistik vom Ver.di Landesbezirk in Bayern, erklärte etwa gegenüber Eurotransport, dass bereits zahlreich Fahrzeuge von Amazon geordert werden. „Die aktuellen Lkw-Bestellungen zeigen aus unserer Sicht, dass Amazon sein Frachtgeschäft massiv ausbauen will und gegebenenfalls weit über den Eigenbedarf an Linehaulfahrten [Gütertransporte, Anm. d. Red.] hinaus und damit ebenfalls in den externen Logistikmarkt vordringen will“, so Merck.

Wird Amazon einer der größten Transporteure der Welt?

Dass Amazon insgesamt große Ziele in der Logistik vor Augen hat, ist ohnehin kein Geheimnis: So erklärte Dave Clark, CEO für Amazons weltweites Verbrauchergeschäft, bereits Ende des vergangenen Jahres in einem CNBC-Interview: „Wir gehen davon aus, dass wir bis Ende dieses Jahres einer der größten Transporteure der Welt sein werden.“ Und damit scheint man auf dem besten Wege zu sein.

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/ Geschrieben von Hanna Behn