Jeff Bezos hat sich einen Kindheitstraum erfüllt. Doch sein Weltraum-Unternehmen ist bisher nichts weiter als ein teures Hobby – und jeder weiß, wer dafür zahlt.

Blue Origin Team feiert
Blue Origin

 

Ein Milliardär und Gründer eines der größten Online-Konzerne der Welt nimmt seinen Bruder, eine 82-jährige Pilotin und einen niederländischen Teenager mit in den Weltraum. Was wie ein gar nicht so abwegiger Plot eines Hollywood-Action-Blockbusters aus den späten 90ern klingt, war am 20. Juli 2021 tatsächlich Wirklichkeit – und die Erfüllung des wohl größten Kindheitstraums von Amazon-Gründer Jeff Bezos, der sich übrigens in wahrer Hollywood-Manier mit einem Cowboy-Hut auf dem Kopf zur Rakete begab.

Aber gut, Crew und Kopfbedeckung beiseite: Der erste bemannte Flug von Blue Origins „New Shepard“-Kapsel, die ein neues Kapitel in Sachen Weltraum-Tourismus aufschlagen soll, war erfolgreich. Rund 107 Kilometer ging es Richtung Weltraum, ein paar Minuten Schwerelosigkeit, geglückte Landung im Anschluss.

Das wohl teuerste Hobby der Welt

Während der Flug für Blue Origin ein Meilenstein ist, bleibt der technologische Fortschritt fragwürdig. Abgesehen von dem Design der Raumkapsel, die größtmöglichen Ausblick und Bequemlichkeit bieten soll, damit sich das Event für künftige zahlende Kunden ja auch lohnt, war an dem Flug wenig spektakulär. 

Der Blue-Origin-Konkurrent SpaceX hat wiederverwendbare Raketen schon weit länger im Einsatz und befördert mit ihnen Frachtgut und auch Astronauten zur Internationalen Raumstation ISS, die in 408 Kilometern Höhe ihre Bahnen zieht – und damit deutlich mehr zur Forschung im Weltraum beiträgt.

Das Ziel von Bezos’ Unternehmen ist das aber auch gar nicht: Erklärterweise sollen mit „New Shepard“ vor allem zahlende Kunden für ein paar Millionen Dollar mal ein bisschen Schwerelosigkeit erleben können. Der Livestream des Blue-Origin-Flugs kam deshalb auch mitunter wie eine Werbeveranstaltung daher, in der der schöne Ausblick aus den großen Fenstern der Raumkapsel oder die Triebwerke der „New Shepard“-Rakete angepriesen wurden. Da bleibt dann die Frage, wieso es bei der Übertragung keine Bilder aus dem Innern der Raumkapsel gab.

„Ihr habt für all das hier bezahlt“

Kurioser wurde es dann in der Pressekonferenz nach dem Flug. Jeff Bezos danke unter anderem den Amazon-Mitarbeitern und -Kunden, die „für all das hier bezahlt haben“. Auch wenn man Bezos nun keinen bösen Gedanken, sondern ernsthafte Dankbarkeit für die Menschen, die seinen Kindheitstraum realisiert haben, unterstellen möchte: Es gehören schon mehr als 107 Kilometer Realitätsferne dazu, sich zu so einer Aussage hinreißen zu lassen. 

Die Amazon-Angestellten, die seit Jahren über die Arbeitsbedingungen bei dem Konzern klagen und mitunter sogar in Flaschen pinkeln müssen, um ihre Schicht zu schaffen, werden sich sicher für ihren Ex-Chef freuen, dass er die wohl wildeste Achterbahnfahrt seines Lebens erleben durfte. Ähnlich dürften das die Menschen sehen, die Amazon eher kritisch betrachten. Dem Image des Konzerns dürfte das alles wenig helfen.

Ein nachhaltiges Vergnügen?

Ohnehin stellt sich die Frage, wie notwendig der Kurztrip in die Erdatmosphäre angesichts der sich verschärfenden Klimakatastrophe tatsächlich ist – geschweige denn, wie verantwortungsbewusst die Touristen-Ausflüge in die Schwerelosigkeit in Zukunft sein werden. Zwar wird Space.com zufolge bei einem Raketenstart vergleichsweise wenig CO2 in die Atmosphäre geblasen, aber Rückstände und Aluminiumoxide können sich beträchtlich auf die Atmosphäre auswirken. 1.000 Flüge könnten Berechnungen zufolge die Temperatur an den Polkappen um 1 Grad Celsius erhöhen. 

Die „New Shepard“-Raketen gehören allerdings auch zu den saubersten Trägerraketen, die es gibt. Nichtsdestotrotz hat auch die Anmerkung von Bezos, dass ihm im Weltraum die Zerbrechlichkeit der Erde bewusst geworden ist, ein wenig Geschmäckle.

/ Geschrieben von Michael Pohlgeers




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