In einer „AmaZen“-Box sollen Amazons Logistik-Mitarbeiter mit Filmchen und Übungen kurz von der Arbeit entspannen können – „einfach nur lächerlich“, findet ein Mitarbeiter.

AmaZen-Box
Amazon

Die Bedingungen in Amazons Logistiklagern stehen immer wieder in der Kritik: harte Arbeit, Monotonie, Zeitdruck. Dies sorgte dafür, dass Amazon zuletzt eine Reihe an verschiedenen Programmen startete, die Gesundheit und Fitness seiner Mitarbeiter verbessern sollen. Dazu gehört auch „AmaZen“ – ein Konzept, bei dem sich die Arbeiter in eigens im jeweiligen Amazon-Lager aufgestellten Boxen kurz entspannen sollen. Doch so richtig wird das Prinzip wohl nicht fruchten, kritisiert das Portal Vice.

Entspannen bei Amazon: Videos in Mini-Boxen mit Ventilator und Pflanzen

Laut Amazons Beschreibung sehen die Mitarbeiter in den Mini-Boxen „kurze Videos mit einfach zu befolgenden Wohlfühl-Aktivitäten, darunter geführte Meditationen, positive Bekräftigungen, beruhigende Szenen mit Klängen und mehr“. Laut Vice befinden sich in der kleinen Entspannungskammer auch ein kleiner Ventilator, Pflanzen und ein blau gefärbtes Oberlicht – das vielleicht den Himmel nachahmen soll? Außerdem gebe es kleine Schilder an den Wänden. „Mit AmaZen wollte ich einen ruhigen Raum schaffen, in den die Menschen gehen und sich auf ihr geistiges und emotionales Wohlbefinden konzentrieren können“, erklärt die Erfinderin Leila Brown.

Kritik an Amazons Erholungsbox: „Neuer Anstrich für das gleiche alte beschissene System“

Grundsätzlich ist Amazons Wille zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen ja zu begrüßen – ob diese Wellness-Oasen im Hochformat dazu aber einen echten Beitrag leisten können, wird sich zeigen. Der Vice-Autor sieht in der „Kabine in Sarggröße“ eher einen „weiteren dystopischen Schritt“ Amazons: „AmaZen ist, wie vieles von dem, was Amazon tut, ein neuer Anstrich für das gleiche alte beschissene System.“

„Diese Meditationsboxen sind einfach nur lächerlich!“

Noch ist unklar, ob und wie die „AmaZen“-Boxen auch in Deutschland angeboten werden. Wir haben einen anonymen Mitarbeiter eines deutschen Logistik-Lagers zu seinem Eindruck des Projekts befragt: „Diese Meditationsboxen sind einfach nur lächerlich! Die wollen mit ihren neuen Gesundheitsmaßnahmen einfach nur besser dastehen in der öffentlichen Wahrnehmung! Was soll eine solche Box denn bitte bringen? Ich vermute, dass, wenn du die nutzen willst, du das von deinen Überstunden abgezogen bekommst!“, so die Kritik.

Amazon solle stattdessen lieber in Massagen für die Mitarbeiter oder Arbeitsmittel investieren, die die schwere Arbeit erleichtern, wie etwa höhenverstellbare Tische, fordert der Mitarbeiter. „Das ist denen aber meist zu teuer!“, so die Vermutung.

Das sagen Experten zu Amazons Entspannungsboxen

Wir haben bei Experten nachgefragt, inwiefern die kritisierten Boxen wirklich einen wie auch immer gearteten Effekt haben könnten. Der deutschen Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin liegen zur tatsächlichen Wirkung keine Erkenntnisse vor, entsprechende wissenschaftliche Studien seien der Behörde nicht bekannt. Jörg Michel verweist darauf, dass zunächst technische und organisatorische Schutzmaßnahmen ergriffen werden sollten, bevor man derartige persönliche Maßnahmen angeht. „Personenbezogene Angebote wie Entspannungsübungen usw. können deshalb als ergänzende Angebote durchaus sinnvoll sein. Eine gute Gestaltung der Arbeitsbedingungsfaktoren wie der Arbeitszeit, der Arbeitsintensität aber auch von Führung und sozialer Unterstützung sind aber deutlich wichtigere Stellschrauben“, erklärt der Experte.

Der Name „AmaZen“ verweist dabei wohl auf den Zen-Buddhismus, eine Strömung der Weltreligion. Passenderweise findet sich von dem Zen-Meister Ikkyū Sōjun ein überliefertes Zitat, das auch auf Amazons Ansatz zutreffen könnte: „Ich würde gerne irgendetwas anbieten, um Dir zu helfen, aber im Zen haben wir überhaupt nichts.“

/ Geschrieben von Markus Gärtner

Kommentare

#1 Tom 2021-06-05 13:57
Erinnert mehr an einen Panic Room als an Entspannung.



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